Für eine enkeltaugliche Zukunft

Die Nachrichten über die globale Situation in Sachen Zukunftsfähigkeit sind im letzten Blickpunkt durch einen Artikel des Vereins Saubere Energie für Bissendorf im Klartext zu lesen gewesen. Dafür sind wir hier im Verein Leben und Lernen e.V. sehr dankbar. Wie die Welt für unsere Kinder und Enkel aussehen soll, was sie brauchen, um zukunftsförderliche Lebensstrategien entwickeln zu können – dies ist eine wesentliche Frage, die uns hier im Verein zum Aufbau des Lernstandorts ‚Aktiv-Hof Nemden’ den Impuls gegeben hat.

Die meisten Menschen sind so in das alltägliche Leben eingebunden, dass sie kaum Zeit finden, über notwendige Veränderungen in unserem Leben nachzudenken geschweige denn diese bewirken zu können. Das, was unsere Welt zerstört, ist gleichzeitig das, worauf wir unser Leben aufgebaut haben, von dem seine Existenz vielfach sogar abhängt: Mit dem Auto leisten wir es uns, viele Termine täglich zu erledigen, die scheinbare Zeitverknappung holen wir auf durch den Kauf von Fertigprodukten, die Nutzung von diversen Maschinen und Haushaltsgeräten. Wir ermöglichen uns eine Lebensweise, die sich immer mehr von unserem eigenen Tempo entfernt und finden immer weniger Raum zum Reflektieren, Handeln und Fühlen.

Diesen Raum haben wir im Verein geschaffen. Seit 5 Jahren kommen unterschiedliche Gruppen, um ihn zu nutzen. Kleinkinder und ihre Eltern machen in der Begleitung einer Waldpädagogin in der Natur viele Erfahrungen, Grundschulkinder erleben bei uns, wie viel menschliche Energie es braucht, um z.B. mit einem Ökotrainer Wasser für eine Tasse Tee zu erhitzen oder mit der Kaffeemühle das Mehl für das Brot zu mahlen. Sie schreiten im wahrsten Sinne des Wortes den Weg ab, auf dem die Wärme ins Haus kommt: vom Baum im Wald, zum geschlagenen Stamm, der in große Teile zersägt und zum Haus transportiert wird, schließlich gespalten, dann in Scheite gesägt und gestapelt, 2 Jahre lang gelagert und schließlich zu dem Holzscheit wird, den sie dann in die Feuerschale legen, um auf ihr Minipizzen zu backen. Dies alles sind Erfahrungen, die heute nicht mehr zugänglich sind – der Drehknopf des Heizkörpers ermöglicht sie jedenfalls nicht und Wertschätzung und Sorgfalt beruhen aber auf eben diesen Erfahrungen.
Was hier auf dem Hof passiert, geschieht in der ‚Jetzt’-Zeit, hat Relevanz für den jeweiligen Tag und wird bestimmt von den Bedürfnissen der Menschen und der Natur:
kochen, backen, Gemüse anpflanzen, ernten, Holz machen, Feuer anzünden. Diese Entschleunigung ist notwendig, um überhaupt spüren zu können, wie sehr wir unter Druck stehen. Vielleicht ‚wissen’ das die meisten, aber es braucht Raum, um sich die Frage stellen zu können, wie wir damit umgehen möchten. So lange diese Frage nicht beantwortet ist, geht der Druck mit uns um, bestimmt unser Leben. Jugendliche sind hier besonders sensibel. Es gibt immer wieder Gruppen, die im Rahmen einer Klassenfahrt kommen, um zu ‚chillen’, wie sie es nennen: Es ist diese Qualität der Entschleunigung, in Beziehung sein zu können mit sich, den Schulkameraden, mit der Natur. Dabei bieten wir keinen ‚Service’ an, nur den Raum, indem sie sich selbst organisieren, selbst versorgen.

Im konkreten Tun werden Zusammenhänge sicht- und erfahrbar: Wer nicht rechtzeitig anfängt zu kochen, wird hungrig. Wer einmal hundert Meter Kartoffeln angepflanzt, die Reihen mit der Hand gejätet, die Kartoffelkäfer gesammelt und die Knollen schließlich geerntet, transportiert und gelagert hat, der kann lernen, Lebensmittel wertzuschätzen ebenso wie die Arbeit derjenigen, die sie leisten. Er erkennt auch, dass die Natur und nicht er selbst diese Abläufe bestimmt, und er lernt die tiefe Befriedigung kennen, sich selbst in Teilen versorgen zu können. Und wenn Schüler im Gespräch mit einem Bauern erfahren, dass all das, was er anpflanzt, in die Tierfütterung oder in die Biogasanlage kommt, dass Suppenhühner, für die es in Deutschland keinen Markt gibt, gefroren nach Afrika transportiert werden, dann tun sich ihnen noch ganz andere Zusammenhänge auf. Von diesen Zusammenhängen und ihren Folgen ist täglich in den Medien zu lesen.

Sollen wir nun alle wieder auf den Acker? Nein, aber wir brauchen diese Erfahrungen. Kinder brauchen sie, um diese praktischen Lebenskompetenzen zu entwickeln und Strategien und Entscheidungskompetenz für den Umgang mit Konsum zu entwickeln. Erwachsene brauchen sie, weil sie die gesellschaftliche Gegenwart gestalten und ihre Kinder mit ihrem Vorbild in ihrer Entwicklung unterstützen können,
die Generation der Älteren, um wahrnehmen zu können, dass sie vielfach unwissentlich mit zu der heutigen Situation beigetragen haben und sich mit diesen Einsichten in die Veränderungsprozesse einbringen können. Und die noch Älteren in unserer Gesellschaft, die vielleicht erlebt haben, wie sie von den Entwicklungen ‚überholt’ wurden, die sollen zurück in unsere Mitte und mit ihrem Wissen an einer ‚enkeltauglichen’ Zukunft mitwirken können.

Auf jeden Einzelnen kommt es an – jeder kann etwas tun, auch wenn es manchmal aussichtslos erscheint. Gemeinschaftlich wirken hilft. Wir bieten für Interessierte Dialogabende an, an denen sie ihren eigenen Umgang reflektieren und in ihrer Wahrnehmung sensibler werden. Auch Erfahrungen und Tipps werden miteinander geteilt, aus individuellen Anliegen können gemeinsame Projekte entwickelt werden. Wir nennen diese Treffen ‚Abend der kleinen Schritte’.

Wer den Aktiv-Hof nutzen möchte, um Erfahrungen zu machen, Kenntnisse zu teilen, sich in einer Gruppe zwecks Austausch zu treffen, der ist bei uns herzlich willkommen!