Hintergründe

Was bisher geschah

Zukunftsdialog des Kanzleramtes: wie wollen wir lernen?

„Wie wollen wir in Zukunft lernen?“ Diese Frage markiert eines der drei zentralen Themen im aktuellen Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin. Seit Frühjahr 2011 sind Fachleute aus der Wissenschaft und Praxis darüber im Austausch mit dem Ziel, konkrete politische Handlungsempfehlungen auszusprechen. Auch die Bürger sind über einen Bürgerdialog aufgefordert, sich aktiv zu beteiligen. Wie soll und muss Bildung in fünf bis zehn Jahren aussehen? Wie bleiben wir als Einzelne und als Gesellschaft zukunftsfähig?

Vom Hirnforscher über den Unternehmensvertreter bis hin zur Schulleiterin sind sich die Experten dieses Themenstranges alle einig: Bildung im 21. Jahrhundert hat Herausforderungen zu meistern, die mit unserem bisherigen Verständnis von Wissen, Wissensvermittlung, Bildung und Lernen nicht mehr zu handhaben sind.

Die Informationsflut, der hohe Vernetzungsgrad, die steigende Komplexität und damit verbundene extreme Veränderungsdynamik einer globalisierten Welt fordern nicht nur andere Bildungsstrategien, sondern vor allem eine grundlegende gesellschaftliche Transformation, die ein neues Verständnis von Bildung und Lernen voraussetzt, wenn sie gelingen will.

Im Kern geht es dabei um eine Umstellung von der Vermittlung abstrakten, systematisierten und standardisierten Wissens hin zur Ermöglichung von erfahrungsgebundener, individueller Entwicklung und vor allem eigenverantwortlicher Selbstentwicklung.

Sowohl die Neurobiologie als auch die moderne Lernforschung wissen mittlerweile, dass Eigenmotivation und Begeisterung am Lernen für nachhaltige Lernprozesse unumgänglich sind. Der Mensch schöpft nur dann sein volles Potenzial als lern- und entwicklungsfähiges Wesen aus, wenn er das, was er lernen soll als für ihn bedeutsam bewertet, wenn es seine Aufmerksamkeit, sein Interesse erregt und er damit seinen eigenen, natürlichen Entwicklungsimpulsen folgt. Ein gesundes Selbstwertgefühl wie eine unterstützende und zugleich herausfordernde Gemeinschaft gehören ebenso zu einem gelingenden Lernen. Diese kann man aber nicht erzwingen oder kontrollierend herstellen, man kann nur die Bedingungen dafür schaffen, dass sie entstehen.

Leistungsdruck, Stress, Konkurrenz, Vereinzelung oder Angst sind dagegen die denkbar ungünstigsten Bedingungen für nachhaltige Lernprozesse. Sie führen zu negativen Lernerfahrungen, die wiederum zu negativen Einstellungen gegenüber dem Lernen an sich führen und damit die Entwicklungsfähigkeit eines Individuums, aber auch – wenn dies im Bildungssystems selbst verankert ist – die Lernfähigkeit einer ganzen Gesellschaft blockieren oder zumindest nachhaltig erschweren können. Angst vor Veränderung, Überforderung, Burnouts, fehlende Flexibilität und Kreativität sind Symptome eines nicht mehr förderlichen Systems.

Um dem entgegenzuwirken, so die Erkenntnis der Arbeitsgruppe zum Thema Lernen,  sollte der Fokus aller Bildungsbemühungen vom kurzfristigen Lernerfolgen (Prüfung bestehen) auf die Freude an der eigenen Weiterentwicklung, am Entdecken, an der eigenen Kreativität, dem eigenen Verstehen und Gestalten ausgerichtet werden. Eine ganzheitliche Lernkultur der Potenzialentfaltung muss im Bildungssystem und in der gesellschaftlichen Haltung zum Menschen und zu Entwicklung im Allgemeinen verankert werden.

Initiative „Schule im Aufbruch“

Ein zentraler Lernort der Gesellschaft blieb im Rahmen des Zukunftsdialogs ausgeklammert, da die politische Kompetenz hierzu nicht beim Bund, sondern bei den Ländern liegt: die Schule. Auch wurde deutlich, dass die Politik aus systemischen Gründen keine grundlegende Bildungsstrategie für die Gesellschaft entwickeln wird. Gleichzeitig erschien die Notwendigkeit für konkretes Handeln mehr als dringlich, nicht nur, aber vor allem was die heutige Situation in den Schulen betrifft.

Um den fälligen Paradigmenwechsel in den Schulen anzustoßen, sind also die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft gefragt. Mit der Absicht, diese gesellschaftliche Bewegung „von unten“ zu initiieren und zu begleiten haben Gerald Hüther, Margret Rasfeld und Stephan Breidenbach, Koordinatoren und Kernexperten des Zukunftsdialogs, zusammen mit anderen Aktiven, die Initiative „Schule im Aufbruch“ gegründet. Sie hat das Ziel, das schon vorhandene Wissen für eine solche Umgestaltung und vor allem die vielen, erfolgreichen Beispiele innovativer schulischer und außerschulischer Bildungsorte zu synthetisieren, so dass jede Schule, die sich für ihre Weiterentwicklung entscheidet, darauf zurückgreifen kann. Gleichzeitig geht es darum, die vielen Menschen, die sich eine andere Lernkultur schon lange wünschen und vorstellen, oder die zumindest wissen, dass es so nicht weitergehen kann, zu synchronisieren, damit sie wahrgenommen und wirksam werden können.

Mit dem Aufruf „Schule im Aufbruch – hin zu einer neuen Lernkultur“ (in dieser Mappe enthalten) tritt die Initiative an die Öffentlichkeit.

Masterstudiengang „Potenzialentfaltungscoach“

Um das Paradigma der Potenzialentfaltung in den Schulen zu verankern braucht es auch neue Impulse für die pädagogischen Ausbildungscurricula. Nicht Fachwissen und didaktische Methoden der Wissensvermittlung sind im Sinne dieser neuen Lernkultur vorrangig, sondern soziale Lernprozesse, Teambuilding und die Fähigkeit, Lernende nachhaltig in ihrem Selbstbildungsprozess zu unterstützen. Mit dem Masterstudiengang „Potenzialentfaltungscoach“ (MaPECo) möchte die Initiative einen zeitgemäßen  Ausbildungsgang an interessierten Hochschulen etablieren, der es den Studierenden erlaubt, sich die Kompetenzen und das Wissen anzueignen, die sie brauchen, um Lernende besser als bisher bei der Entfaltung der in ihnen angelegten Potenziale zu unterstützen.